Diskussion um Kieferorthopädie in Deutschland geht weiter:

SPIEGEL greift Argumente kritischer Kieferorthopäden auf

28. Juni 2015

Dass die modernen Möglichkeiten der Gebissregulierung ein Segen für bestimmte Patienten mit starken Zahnfehlstellungen und Missbildungen oder Defekten im Mund-Kiefer-Gesichtsbereich sind und beispielsweise auch für die Versorgung von Lückengebissen erleichtern, wird vom DAZ nicht in Frage gestellt. Seit Längerem beschäftigt ihn jedoch die Frage, ob die Behandlung von fast der Hälfte jedes Jahrgangs an Kindern/Jugendlichen aus medizinischer Sicht erforderlich ist und tatsächlich der Prävention von Schäden an Zähnen und Zahnhalteapparat dient. Eine weitere Frage ist, ob die in Deutschland vorrangig angewandten Methoden diejenigen sind, die sich nach – international gewonnenen – wissenschaftlichen Erkenntnissen als die effektivsten erwiesen haben. Effektivität heißt hier: möglichst geringe Behandlungsdauer und möglichst geringer Einsatz finanzieller Ressource bei möglichst geringen schädlichen Nebenwirkungen.

In der DAZ-Zeitschrift “Forum für Zahnheilkunde” waren in den letzten Jahren verschiedene Beiträge dieser Thematik gewidmet (siehe unten). Bei der DAZ-IUZB-Jahrestagung 2014 referierte Dr. Henning Madsen aus Ludwigshafen über Erkenntnisse aus der internationalen wissenschaftlichen Literatur. Insbesondere seine umfangreiche Literaturliste sei denjenigen empfohlen, die sich selbst ein Urteil über die Evidenz im Bereich der Kfo bilden wollen. Bei der Tagung hatten die anwesenden Zahnärzte und Kieferorthopäden inkl. der Vertreter des Berufsverbandes der Kieferorthopäden Gelegenheit, die kritischen Argumente zu diskutieren, wobei der geballten Darstellung wissenschaftlich belegter Fakten eher nur subjektive Erfahrungen entgegen gehalten wurden.

Sehr grundsätzliche Kritik am Vorgehen in der Kfo und die Forderung nach Reflexion der zugrunde gelegten Definition von Krankheit/Gesundheit war zuvor auch aus universitären Kreisen geäußert worden – von dem Kieferorthopäden Dr. Alexander Spassov und zwei Medizinethikern, seinerzeit alle drei tätig an der Universität Greifswald (siehe Links und Literaturhinweis unten).

Inzwischen hat der SPIEGEL, der in den letzten Jahren mehrfach die Kfo unter die Lupe genommen hat, das Thema (in seiner online-Ausgabe vom 10.06.2015) erneut aufgegriffen, lesen Sie mehr unter:

http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/zahnspange-kritik-an-kieferorthopaedie-unerwuenscht-a-1037018.html

Die wissenschaftlichen Gesellschaften und berufspolitischen Organisationen sollten sich der Diskussion stellen. Das heißt, sie sollten sich mit der vorhandenen Evidenz zur medizinischen Notwendigkeit und effizienten Methoden auseinandersetzen, zu den kritischen Veröffentlichungen im Einzelnen Stellung beziehen und die gewonnenen Erkenntnisse in ihren Empfehlungen, in Aus- und Weiterbildungsangeboten berücksichtigen.

Irmgard Berger-Orsag – berger-orsag@daz-web.de

Nachfolgend finden Sie einige Beiträge zur kieferorthopädischen Versorgung und der Zuzahlungs-Problematik aus der von DAZ und BVAZ herausgegebenen Zeitschrift FORUM FÜR ZAHNHEILKUNDE:
Dr. Madsen in FORUM 121
• zzgl. Literaturliste
Dr. Kirchhoff in FORUM 120
Dr. Madsen in FORUM 118
Dr. Kirchhoff in FORUM 114
Dr. Bettin, Prof. Micha, Dr. Spassov in FORUM 121; dies ist eine Kurzfassung des Beitrags von Hartmut Bettin, Alexander Spassov, Micha H. Werner: „Asymmetrien bei der Einschätzung des kieferorthopädischen Behandlungsbedarfs – Kieferorthopädische Praxis und kieferorthopädische Normen im Spannungsfeld der Interessen von Patient, Arzt und Gesellschaft“, Ethik Med, DOI 10.1007/s00481-014-0293-9